Eine Weihnachtsgeschichte von Käthi Grün aus Rodershausen.

Ein Christbaum erzählt!

Nur noch wenige Tage waren es bis Weihnachten. Ein bisschen einsam und traurig stand ich im Wald. Alle Tannenbäumchen rund um mich herum waren in Stuben gebracht worden, wo sie zum Fest herrlich geschmückt wurden und in all ihrer Pracht glänzen durften. Nur ich stand noch allein da. Es war ja auch kein Wunder ich war nicht besonders schön gewachsen. In der oberen Hälfte hatte ich einen mächtigen Knick und meine Zweige hingen armselig an mir herunter. Niemand wollte mich haben. Es stimmte mich schon etwas traurig, wenn ich daran dachte, dass ich mit ein bisschen mehr Schönheit anderen Menschen als Christbaum hätte eine Freude machen können.

Nun ja, zufrieden mit dem Los, das mir beschieden war, freute ich mich schon, wenn ein kleines Reh oder ein Häschen um mich herum tanzten. Dabei war es mir, als würden sie mir tröstend zu flüstern: "Sei nicht traurig, kleiner Tannenbaum, wir sind ja bei dir, wir werden uns unter deine Zweige kuscheln und uns dort geborgen fühlen. Das gab mir Trost und Kraft und das Gefühl, nicht nur als kleiner krummer Tannenbaum unnütz im Walde stehen zu müssen.

Dann kam der Tag vor Heilig Abend. Viel Schnee war gefallen und meine Zweige hingen, von dessen Last gedrückt, bis tief auf die Erde hinunter. Plötzlich hörte ich von weitem her ein Gepolter. Ich war furchtbar erschrocken, denn es war schon fast Abend. Das Gepolter kam immer näher und mein Herz klopfte wild vor Angst. Es war Küster Leopold mit seinem Traktor. Er brauchte noch einen Christbaum, den er in der Kirche bei der Krippe  aufstellen wollte. Herr Leopold sah auch, dass ich nicht besonders hübsch war. Ach, sagte er zu sich selbst: Aus diesem krummen Ding da wird wohl nie was Gescheites werden. Man könnte ihn an die Krippe stellen, dazu wäre er gut.

Mühsam schleppte Küster Leopold mich in die Kirche, wo er mich unweit von der Krippe aufstellte und warf ein paar Hände voll Lametta lieblos auf meine Zweige. Ein paar Dutzend Kerzen klemmte er wie ein Klumpen an ein paar meiner vorderen Ästchen, so dass ich beinahe vornüber kippte. Dadurch wurde mein Oberteil noch krummer. Ich schämte mich, so hässlich da stehen zu müssen. Vielleicht hätte man mich mit einem Stückchen Draht ein bisschen in die Richtung bringen können, das man an der Wand befestigt hätte. Nein, man ließ mich so elend da stehen. Ich war so unglücklich, denn ich war alles andere als ein hübscher Christbaum.

Dann geschah das Wunderbare: Ich sah, wie eine der Kerzen, die man mir angeklemmt hatte, dem Jesuskind in der Krippe genau ins Gesicht leuchtete. Das war für mich eine Freude, eine Wonne, ja das größte Glück, dass ich je erleben durfte. Dabei hörte ich, wie das Jesuskind mir leise lächelnd zuflüsterte: Freue dich lieber kleiner Christbaum, dass du an meiner Krippe stehen darfst. Freude wirst du allen Menschen schenken, die in dieser Heiligen Nacht erfahren, wie du, mit deinem strahlenden Leuchten das Jesuskind zum Lächeln bringst!

Weihnachten 2003

Käthi Grün.