Albert Keates-Orgel, Sheffiled GB, 1920
Wiedereingeweiht am 19. März 2006 in Rodershausen

Disposition der Albert Keates-Orgel

Der Orgelbauer Albert Keates

Die 2. Ausbaustufe

Die Albert Keates-Orgel in Rodershausen -
oder
kann eine englische Orgel überhaupt deutsche Lieder spielen?

Fotos

 

 

Disposition der Albert Keates-Orgel:

 Great C-c4 (61 Tasten)
Open Diapason 8’         Metall, C-f0 im Prospekt
Stopped Diapason 8’     gedeckt, C-h0 Holz, c1-c4 Metall, Korkstöpsel mit Loch
Dulciana 8’                    C-H mit Stopped Diapason, c0-c4 Metall offen
Principal 4’                   Metall, teilweise Prospekt
Fifteenth 2’                  Metall
*Chimes                       Röhrenglockenspiel

Swell: C-c4
Open Diapason 8’         C-Fs Holz gedeckt, G-H Holz offen, c0-c4 Metall
Gedact 8’                     gedeckt, C-h0 Holz, c1-c4 Metall, Korkstöpsel mit Loch
Viol di Gamba 8’          C-H mit Gedact, c0-c4 Metall offen
Voix Célestes 8’           ab c0, Metall
Gemshorn 4’                Metall
Horn 8’                        Zunge, volle Länge, offen, Tränenkehlen
*Chimes                       Röhrenglockenspiel

Choir: C-c4
*Open Diapason 8’
*Flute 8’
*Salicional 8’
*Geigenprincipal 4'
*Wald Flute 4’
*Twelfth 2 2/3’
*Flute 2’
*Tierce 1 3/5’
*Mixture
*Trumpet 8’
*Oboe 8’
*Chimes
*Tremulant

Pedal: C-f1 (30 Tasten)
Bourdon 16’                 gedeckt, Holz
Bass Flute 8’                gedeckt, Holz
*Trombone 16’            
*Trumpet 8 ’               
*Chimes                      
  

*Zimbelstern
*Bird

 

Couplers:

Great: G-I, G-II, G-III, G4, G16, Sw4-G, Sw16-G, Ch4-G, Ch16-G,
Melody G4, Melody Sw-G, Melody Ch-G

Choir: Ch-I, Ch-II, Ch-III, Ch4, Ch16, G4-Ch, G16-Ch, Sw4-Ch, Sw16-Ch,
Melody Ch4, Melody Sw-Ch, Melody G-Ch

Swell: Sw-I, Sw-II, Sw-III, Sw4, Sw16, G4-Sw, G16-Sw, Ch4-Sw, Ch16-Sw,
Melody Sw4, Melody G-Sw, Melody Ch-Sw

Pedal: G-P, G4-P, Ch-P, Ch4-P, Sw-P, Sw4-P

Tastenfessel, Balancietritt Swell
Spiel- und Registertrakturen als elektronisch-modulares-Bussystem mit Setzer, 2x16x8x10 Speicherplätze
(die Register mit * werden im 2.Bauabschnitt realisiert)

Inschrift über dem Spieltisch: „To the Glory of God & in Honour of the Men who served during the Great War. 1914-1919. (Zur Ehre Gottes und zum Andenken an die, die im großen Krieg gedient haben. 1914-1919)

 

Die 2. Ausbaustufe:

Die 13 Register umfassende Keates-Orgel wird in einem späteren Ausbauschritt erweitert werden.

Die 2. Ausbaustufe beinhaltet das Teilwerk Choir (11 Register), die Pedalzungen Trombone 16’ und Trompet 8’ sowie Zimbelstern, Bird (Vogelgesang)  und Röhrenglockenspiel.

Das dritte Manual und die entsprechende Trakturtechnik sind für das Choir und die Pedalregister schon eingebaut (eingelagert). Auch das Pfeifenwerk für Choir und Pedal ist bereits vorhanden. Es fehlt noch die Choir-Schleiflade (11Register) mit den Spielventil- und Schleifenzugmagneten. Für das Choir ist eine eigene Windversorgung vorgesehen. Die Realisierung des Röhrenglockenspiels wartet noch auf einen wohlwollenden Spender (ca. 5.000 Euro).

 

Anzahl der Orgelpfeifen:

Original Keates-Orgel: 8x61 + 3x49 + 42 Pedal

Zusammen: 677 Pfeifen (Stand bei der Einweihung am 19.03.2006), 13 Register Originalbestand.

 

2. Ausbaustufe: 9x61 + 3x61 (Mixtur) + 1x49 (Salicional) + 42 Pedalzungen (16’, 8’)

Zusammen: 823 Pfeifen, das sind 13 Register, kommen bei 2. Ausbaustufe dazu.

                              

Spätere Gesamtzahl der Pfeifen: 1500 Pfeifen + Röhrenglockenspiel

 

 

Der Orgelbauer Albert Keates

Albert Keates wurde 1863 in Staffordshire geboren und kam beim Orgelbauer John Stringer & Co. in die Lehre. Später wurde er leitender Intonateur und Stimmer bei Brindley & Foster, seinerzeit der bekanntesten Orgelbaufirma von Sheffield. 1885 machte er sich selbständig, zunächst in Zusammenarbeit mit Edwin Lowe. In den frühen 90er Jahren des 19. Jahrhunderts erwarb er an der Charlotte Road in Sheffield große Liegenschaften, die später als Sheffield – Orgelwerke berühmt wurden.

In der Mitte der 90er Jahre hatte er ein volles Auftragsbuch und er baute nun auch dreimanualige Orgeln bis nach Greenock, Penrith, Birmingham und Belfast. In einer Opusliste sind im Zeitraum zwischen 1889 und 1939 90 Werke vermerkt, wobei es sich entweder um Neubauten oder grundlegende Umbauten handelt. Albert Keates verstarb im Jahre 1950. Das Unternehmen wurde zu Beginn der 1950er Jahre von Harris Organs, Birmingham,  übernommen.

Die bekannterweise hervorragende Intonation seiner Orgeln hat Albert Keates dem Intonateur Karl Schulze, den er von der Orgelbaufirma Brindley & Foster abgeworben hat, zu verdanken. Karl Schulze hat bei der deutschen Orgelbaufirma Edmund Schulze gelernt und hat dadurch deutsche Orgelbautradition in die Keates-Orgeln einfließen lassen.

Mit diesem Instrument ist unsere Orgellandschaft um ein einzigartiges Instrument reicher geworden, das die adäquate Interpretation von englischer Orgelliteratur bzw. das Begleiten englischer Chorliteratur ermöglicht.

 

 

Die Albert Keates-Orgel in Rodershausen -
oder
kann eine englische Orgel überhaupt deutsche Lieder spielen?

(von Reiner Simon)

Nun haben wir es doch geschafft. 107 Jahre hat es gedauert, bis die Pfarrei Rodershausen mit ihrer schmucken neugotischen Pfarrkirche eine Orgel, wohlgemerkt eine richtige Pfeifenorgel, ihr Eigen nennen kann. Das Harmonium, das in den 1930er Jahren angeschafft wurde und ein bereits vorhandenes, kleineres Harmonium ablöste, tritt nun in seinen wohlverdienten Ruhestand.

Sei nicht unfair! Das Harmonium kann nichts dafür, dass es keine Orgel ist, zudem es auch noch über viele Jahrzehnte deren Aufgabe übernehmen musste.

Na ja. Schwamm drüber …

Die Albert Keates-Orgel wurde 1920 für die Methodist Church in Norton Woodseats, Yorkshire, im Süden Sheffields gebaut.

Ah! Schöne Gegend. Wenn man mal von grauen verrußten Industriestädten wie Leeds und Sheffied absieht.

Dort tat sie ihren Dienst bis 1977. Dann fusionierte die Gemeinde mit einer Nachbarpfarrei und schenkte ihre offensichtlich nicht mehr benötigte Orgel der Ebenezer Methodist Church in Bramley, die etwas nordöstlich liegt, da das dortige Instrument einem Wasserschaden zum Opfer fiel.

Ups! Schlechte Küche, schlechte Wasserleitungen?

Die Albert Keates-Orgel wird 1977 in Bramley aufgebaut durch den Orgelbauer J.M.Spink aus Leeds, der das Instrument wohl auch bis zum Abbau 2004 wartete. Wartungs- und Reparaturarbeiten sind für die Jahre 1989 und 1990 belegt. 1989 wird ein Brandschaden der Orgel repariert.

Ein Unglück kommt selten allein. Erst Wasserschaden, dann Feuerschaden …was denn noch?

Einige wenige Spuren dieses Unglücks lassen sich noch heute in der Orgel finden. Betroffen war die Cs-Seite des Instrumentes, auf der die mechanische Registertraktur überarbeitet und teilweise erneuert werden musste. Es ist anzunehmen, dass das Instrument bei dieser Gelegenheit Generalgereinigt wurde, spätestens aber 1990, als der noch nicht besetzte Registerstock im Great mit der Stimme Fifteenth (2’-Register) versehen wurde. Hierbei handelt es sich um ein gebrauchtes Register einer anderen, aber unbekannten Orgel. Das belegen die abweichenden Pfeifensignaturen und die neu erstellten Rasterbrettchen.

Ach wie süß. Rasterbrettchen, kann die mein Frisör auch?

Nach der Schließung der Ebenezer Methodist Church in Bramley im Jahr 2003, wurde die Orgel im Frühjahr 2004 veräußert und von der Firma Andreas Ladach, Wuppertal, gekauft und in der ehemaligen Trinitatiskirche, die jetzt Ausstellungsraum der Firma Ladach ist, aufgebaut. Im Sommer 2004 wurde sie dort für ihre dritte Wirkungsstätte Rodershausen entdeckt und im Oktober gekauft, abgebaut, verpackt und nach Rodershausen Transportiert.

Zack bum, machen die in England den Laden dicht und verhökern die Kiste nach good old Gemany. Herr Organist, jetzt aber mal ´ne Frage. Wie kommen wir eigentlich dazu den englischen Schrott hier rüber zu schaffen, ihn zu entdecken und schließlich und endlich auch noch pfundweise Euros dafür zu bezahlen? Die Kiste ist ja noch älter als das Harmonium, das sie so verwünschen.

Eine solide, nach alten tradierten handwerklichen Fertigungstechniken erstellte Orgel kann leicht mehrere hundert Jahre überdauern. Die Albert Keates-Orgel ist ein solches Instrument. Es besitzt Windladen (Schleifladen) in Massivholzbauweise, die fast unverwüstlich sind. Die Laden sind das Kernstück einer Orgel. Natürlich wurden die Windladen fachgerecht durchgesehen und überarbeitet. Das erledigte die Orgelbaufirma Hubert Fasen aus Oberbettingen bei Hillesheim. Auf den Schleifladen stehen die Pfeifen und im innern der Laden sind die Ventile. Diese lassen den Wind zu den Pfeifen, wenn man die Tasten drückt. Die Verbindung von der Taste zur Windlade nennt man Traktur.

Eine Trak-was?

Die Traktur, also die Verbindung von Taste zum Spielventil in der Windlade, wurde bei der Sanierung der Orgel erneuert.

Aha! War also doch irgendwo der Wurm drin, was?

Das ursprünglich mechano-pneumatische Traktursystem wurde durch eine elektrische Traktur in modularer Bustechnik ersetzt. Dadurch kann bei der später folgenden zweiten Ausbaustufe der Orgel ein drittes Teilwerk, das Choir, angesteuert werden.

Super. Und das alles durch ´nen Bus mit Solarantrieb.

Die Klaviaturen der Orgel umfassen eine Pedalklaviatur, die mit den Füssen gespielt wird und ursprünglich zwei Manualklaviaturen (Great und Swell) für die Hände. Ein drittes Manual wurde hinzugefügt für das noch zu erbauende Choir.

Aber Moment 'mal. Ein drittes Manual? Haste denn da noch Hände und Füße genug? Die Klaviaturen sind untereinander koppelbar und ermöglichen das spielen mehrerer Teilwerke (Great, Swell, Choir u. Pedal) auf einer Klaviatur oder auf mehrere Klaviaturen verteilt.

Ach so, koppelbar! Das erinnert irgendwie an Cocktailbar, macht auf jeden Fall Durst, gell?

Das elektrische Traktursystem macht zudem einige so genannte Spielhilfen möglich, welche, sinnvoll eingesetzt, die Palette an  Klangfarbmischungen enorm vergrößert. Da gibt es neben den Normalkoppeln jeweils auch Super- und Subkoppeln und sogar die selten zu findende Melodiekoppel.

Ach ja, seufz, die Melodiekoppel. Die steht sicher auf der roten Liste, weil sie vom Aussterben bedroht ist. Aber wie ist das jetzt mit den deutschen Kirchenliedern. Spielt ´ne alte englische Orgel denn so was überhaupt?

Zunächst einmal: nicht die Orgel spielt, sondern der Organist.

Verzeihung.

Die Keates-Orgel ist stilistisch eine romantische Orgel.

Oh, schön, romantisch.

Das bedeutet sie hat in ihrer Disposition der Klangfarben einen hohen Anteil an Grundstimmen, ein Schwellwerk mit Schwebung und Zungenregister. Das sind vor allem Klangfarben, die man braucht, um die Orgelliteratur des 19. und  frühen 20. Jahrhunderts gut darzustellen. Nicht nur die englische Musik, sondern auch die französische und deutsche Orgelmusik dieser Zeit, lässt sich gut auf der Keates-Orgel realisieren. Nur soviel zum Thema deutsche Kirchenlieder.

Was ist denn bitteschön ein Schwellwerk?

Das Schwellwerk ist ein Teilwerk der Orgel, dessen Pfeifen in einem separaten Gehäuse (von außen nicht sichtbar) stehen. Es ist rundherum geschlossen. Am Spieltisch gibt es einen Pedaltritt, mit dem man Jalousie-artige Klappen am Schwellwerkgehäuse öffnen und schließen kann. Der Klang des Schwellwerks kann so laut und leise gestellt werden.

Diese Einrichtung find ich sehr rücksichtsvoll für die Gottesdienstbesucher. Denn manche mögens leis´. Wie ist das mit den  Außenpfeifen, sind die aus echtem Gold?

Natürlich, was den Engländern für ihren Kirchenschmuck gut ist, ist uns billig. Das klärt auch die Frage, warum der Rodershausener Organist keinen goldenen Trauring trägt. Der wurde zum ausflicken eines Loches in einer goldenen Prospektpfeife verlötet. Dieser Umstand nährt auch das Gerücht, das er mit seiner Orgel quasi verheiratet ist.

Na, jetzt verlötest du mir aber was.

Na ja, zugegeben, das ist Quatsch. Die Prospektpfeifen (Schaupfeifen) sind nur goldbronziert, wie man es in England oft sieht. Manchmal sind sie auch mit dekorativen Ornamenten bemalt, wie z.B. in der Stiftskirche in Kyllburg. Da steht auch eine kleine englische Orgel, quasi die kleine Schwester aus England.

Ach, es gibt noch mehr englische Orgeln in Deutschland?

Ja, einige wenige. Die nächste direkte Verwandte unserer Orgel steht in München St.Wolfgang. Die haben 2004 eine gebrauchte Keates-Orgel mit 28 Registern eingeweiht.

Ja pfundig! Jetzt bin ich aber beruhigt. Wenn eine englische Orgel auch auf bayerisch spielen kann, dann dürfte es mit unserem Platt wohl keine Probleme geben.

Ja, und nicht vergessen: nicht die Orgel spielt, sondern der Organist.

Verzeihung.

 

 

Fotos: