Louis Victor Jules Vierne wurde am 8. Oktober 1870 in Poitiers
geboren, wo sein Vater Herausgeber des "Journal de la Vienne" war.
" Ich kam fast völlig blind zur Welt; meine Eltern umgaben mich mit besonderer Herzlichkeit, was mir schon sehr Früh zu einer fast ungesund zu nennenden Überempfindlichkeit verhalf... Dieser Zustand verfolgte mich in meinem ganzen Leben und war der Grund für Zeiten großer Freude, aber auch Zeiten unaussprechlichen Leidens."
(Louis Vierne Journal. S. 124)
Trotz zarter Gesundheit und Nervosität bewies Vierne schon früh außergewöhnliche Reife und eine besondere Empfänglichkeit für Musik. Er war beeindruckt vom Klavierspiel eines Nachbarn und im Alter von drei Jahren lernte er bereits Schubert-Lieder zu singen.
1873 wurde sein Vater zum Chefherausgeber des "Paris Journal" ernannt, was den Umzug der Familie nach Paris zur Folge hatte. Dort bekam der junge Louis ein Spielzeugklavier geschenkt und wurde auch bald seinem Onkel vorgestellt: Charles Colin, Professor für Oboenspiel am Pariser Conservatoire, der den begehrten Grand Prix de Rome gewonnen hatte und auch außerdem Organist war. Es war Colin, der zuerst Viernes musikalische Begabungen entdeckte ( "Er hat ein sehr exaktes Gehör, ein gutes Gedächtnis, rhythmisches Gefühl und natürlichen Sinn für Harmonien." - Journal, S. 125) und der darauf drängte, daß der Junge nun im entscheidenden Alter Musikunterricht bekäme.
Bild Louis mit FamilieColin freute sich über jeden Besuch seines Neffen, ermunterte ihn, Klavier zu spielen und trug dem jungen Vierne selbst Werke von Mozart, Beethoven und Schumann vor. Auch war es Colin, der in Vierne den Traum entstehen ließ, daß er eines Tages bei dem großen César Franck am Conservatoire studieren könne.
Doch im Jahre 1875 zog die Familie Vierne nach Lille, wo der Vater nun für den .Memorial de Lille tätig war. Im darauffolgenden Jahr erhielt Louis seinen ersten offiziellen Klavierunterricht; außerdem hatte er seine ersten Unterrichtsstunden in Grammatik, Geschichte, Geographie und Mathematik. Sein Augenleiden erlaubte ihm nur, sehr große Buchstaben zu lesen und mit einem Kreidestück zu schreiben. Es war offensichtlich, daß der Junge keine normale Schulausbildung durchlaufen konnte; man suchte medizinischen Rat. Die erste Diagnose lautete: inoperabler, angeborener Grauer Star. Aber der Augenarzt empfahl, den österreichischen Chirurgen Dr. de Wecker zu konsultieren, der soeben ein neues Verfahren entdeckt hatte, mit dem das Einsetzen einer künstlichen Pupille in die Iris ermöglicht werden konnte. Nach einer Untersuchung stellte de Wecker fest, daß Vierne durch diese Operation immerhin soviel Sehkraft haben würde, um gefahrlos und ohne Hilfe die Straße zu überqueren, große Gegenstände aus einiger Entfernung zu unterscheiden und auch große Buchstaben zu lesen.
Die Operation war erfolgreich, dennoch war es für Vierne unerläßlich, die Blindenschrift Braille zu erlernen.
1879 kehrte die Familie Vierne nach Paris zurück, wo der Vater nun Herausgeber des Figaro wurde.
Im Oktober 1880 bekam Louis Privatunterricht bei dem blinden Klavierlehrer Henri Specht, um sich auf den Eintritt in das ·Institute Nationale des Jeunes Aveugles· (Nationales Institut für junge Blinde) vorzubereiten, wo Specht zu den Lehrkräften gehörte.
Ebenfalls 1880 hörte Vierne zum ersten mal César Franck an der Orgel von Ste. Clotilde in Paris - ein Erlebnis, daß für ihn überwältigend und bestimmend war: in seinen Erinnerungen nennt es Vierne die ·Offenbarung· ('Journal', S. 129).
Viernes geliebter Onkel Charles Colin starb im Juli 1881 und großer Kummer überschattete noch seine Gedanken, als er im Oktober in das Institut eintrat. Hier begann nun eine siebenjährige Ausbildung (eine Verlängerung wurde nur sehr begabten Schülern gewährt) mit Studien, die in vier Kategorien eingeteilt wurden: Intellektuelle, professionelle (zumeist manuelle Fertigkeiten), musikalische und theologische Bereiche.
Der Grundkurs im musikalischen Bereich umfaßte drei Jahre Solfeggien, drei Jahre Harmonielehre und zwei Jahre Komposition. Klavierspiel war Pflichtfach. Jeder Student mußte außerdem ein Orchesterinstrument beherrschen und am Chorsingen teilnehmen. Jedes Studienjahr wurde im Juli mit einem sogenannten ·Concours· beendet - eine Überprüfung der spielerischen Fähigkeiten durch eine Jury, die aus Lehrkräften des Instituts bestand. In den letzten drei Jahren gehörten zu dieser Jury auch Persönlichkeiten, die nicht zu den Lehrkräften des Instituts zählten. Zu Viernes Zeit waren dieses Franck, Dallier und Debroye. Vierne setzte seinen Klavierunterricht am Institut mit Henry Specht fort und nahm außerdem Violinunterricht bei Pierre Adam, dem Violaspieler des berühmten Lamoureux-Quartetts. Adam war ein guter Freund Colins und übertrug bald seine herzliche Zuneigung auf den jungen Vierne, dem er ein sympathischer und väterlicher Freund werden sollte.
Wenige Wochen vor dem Juli-Concours im Jahre 1886 (Viernes erster Prüfung vor seinem Idol César Franck starb Viernes Vater an Magenkrebs. Trotz seines Kummers beschloß Vierne, das Andenken seines Vaters damit zu ehren und am Concours teilzunehmen. Aus diesem ·Concours· ging er als Gewinner der Ersten Preise in den Fächern Violine und Klavier hervor. César Franck, dem das große Talent des jungen Mannes aufgefallen war, versprach ihm, ihn als Schüler am Conservatoire aufzunehmen, sobald er sein Studium am Institut beendet haben würde. Von dem Augenblick an war Viernes Berufsbestimmung unumstößlich festgelegt.
Ab Oktober 1887 erhielt Vierne Orgelunterricht bei Louis Lebel; bereits nach einem Jahr winkte ihm hier ein Erster Preis. Nach dem Juli-Concours des Jahres 1888 kündigte Franck an, daß er Vierne einmal wöchentlich Privatunterricht in Kontrapunktlehre geben würde und erlaubte ihm zudem, als Zuhörer in seiner Orgelklasse am Conservatoire teilzunehmen. Damit begann für Vierne eine Verbindung. die für ihn von profunder musikalischer und menschlicher Bedeutung werden sollte.
Ein erstes Verlängerungsjahr am Institut begann für Vierne im Herbst 1888, auch übernahm er hier das Orgelspiel in den Gottesdiensten der Kapelle. Mittwochs, donnerstags und samstags nahm er morgens an Francks Orgelunterricht im Conservatoire teil.
" Von den sechs Unterrichtsstunden, die Franck jede Woche hielt, widmete der Meister allein fünf dem Fach Improvisation, das am meisten gefürchtete im jährlichen Concours.
Literaturspiel interessierte ihn weniger; wenn man überhaupt das Privileg genoß, sein Schüler zu sein, verstand es sich von selbst, daß man über hinreichende instrumentale Technik verfügte, um beispielsweise das gesamte Werk Bachs zu spielen."
(Vierne: Mes souvenirs. S 231)
Francks Unterricht am Conservatoire konzentrierte sich in der Tat ganz auf die Anforderungen des Concours am Conservatoire: Improvisiertes Begleiten liturgischer Melodien in streng vorgeschriebener Form. Improvisation einer Fuge und freie Improvisation über gegebene Themen, sowie Auswendigspiel alter und neuer Orgelwerke.
Vierne erhielt die seltene Auszeichnung, ein zweites Verlängerungsjahr am Institut zu studieren. Orgelunterricht erhielt er nun von Adolphe Marty (1865-1942), dem Nachfolger des verstorbenen Louis Lebel seit März 1889. Marty war der erste blinde Student am Conservatoire, der den Ersten Preis in Francks Orgel klasse im Jahre 1886 gewonnen hatte. Zur selben Zeit begann Vierne sein Fugenstudium bei Franck.
Im Jahre 1890 beendete Vierne sein Studium am Institut und verließ dieses Internat mit der Aussicht, seinen langersehnten Traum zu verwirklichen und in die Orgelklasse Francks am Conservatoire aufgenommen zu werden. Jedoch: Franck hatte im Juni einen Verkehrsunfall; Anfang Oktober schien es ihm wie der besser zu gehen. Er unterrichtete allerdings nur noch viermal und sprach am 18. Oktober 1890 davon, daß er am nächsten Tage wegen einer Grippe zu Hause bleiben würde.
Er sollte nie wieder vor seiner Klasse stehen. Am 11. November erhielt Vierne die Nachricht vom Tode César Francks.
"Ich hatte das Gefühl, von einem Donnerschlag getroffen zu sein, fühlte mich zerstört, vernichtet. Ich hatte diesen großartigen Menschen bewundert, der mir soviel Herzenswärme und Güte entgegengebracht hatte, der mir Zuspruch gegeben hatte, mich in der großen Liebe zur Musik inspiriert und zu größten Hoffnungen angeregt hatte . . . Und nun war er plötzlich nur noch ein Schatten, eine Erinnerung. Ich hatte das furchtbare Gefühl, ein zweites Mal meinen Vater verloren zu haben."
(Souvenirs: S. 25-26)
Für Vierne war dieser Schlag so niederschmetternd, daß nur größte Bemühungen seiner Mitschüler ihn davon abhalten konnten, die Orgelklasse am Conservatoire zu verlassen.
Man nahm allgemein an, daß Francks Klasse auf Guilmant,Gigout oder Dallier übertragen würde, aber die offizielle Nachricht nannte Charles Marie Widor (1844-1937), den bekannten Organisten von St.-Sulpice, Komponist von Orgelsymphonien und dem Ballett "La Korngane".
Nicht ohne Mißtrauen, ja sogar Feindseligkeit, wurde Widor am 11. Dezember bei seinem ersten Erscheinen in der Orgelklasse begrüßt.
"Er war noch ein verhältnismäßig junger Mann, seine Erscheinung wirkte jünger als sein tatsächliches Alter, ziemlich groß, fast gewaltig, mit einem leicht militärischen Einschlag: Marineblauer Straßenanzug, Filzhut, gepunktete Halsbinde, leicht zerstreut, vornehmes Aussehen, ziemlich kühl. In vorsichtigen Formulierungen und ausgewählten Worten sprach er über seinen Vorgänger, den er als geistreichen Improvisator bezeichnete. Dann gab er unvermittelt eine Erklärung an uns, eine Art Expose grundsätzlicher Gedanken, die man etwa so zusammenfassen könnte: 'In Frankreich legt man viel zu wenig Wert auf das Orgelliteraturspiel zugunsten der Improvisation. Das ist nicht mehr als nur ein Irrtum zu bezeichnen, es ist Schleichweg unsinnig. Um in der künstlerischen Bedeutung des Wort zu improvisieren, muß man zunächst Ideen haben, aber das ist nicht genug. Um diese Voraussetzung zu erfüllen, um alle Ideen exakt und variationsreich in Musik umzusetzen, muß ein Organist eine profunde instrumentale Technik besitzen, die ihm die Ausführung aller Formen, Figuren und Satztechniken erlaubt."
(Mes Souvenirs: S. 281)
Dies war Widors eigentliche Revolution im Orgelunterricht am Conservatoire, und damit begann die brillante "Schule" französischer Organisten, wie sie noch heute besteht.
Widors technische Methode war das Erbe seines Lehrers, des belgischen Organisten Jacques Nicolas Lemmens (1823-1881), der wiederum seine Spieltechnik durch seinen eigenen Lehrer, Adolph Hesse (über J. N. Forkel. C.P.E. Bach, bis zurück auf Johann Sebastian Bach) nachweisen konnte.
Diese Methode forderte "strengstes Legato, präzise Artikulation von Tonwiederholungen, Bindung von schrittweisen Fortschreitungen, Interpunktion, Atmen, Phrasieren, Terrassendynamik." (Souvenirs, S. 29), ein Grundsatz, der auch Fingersätze und Pedaltechnik betraf und zu dem Widor außerdem lehrte, daß "jede ungerechtfertigte Bewegung beim Spielen nutzlos sei, weil es Verschwendung von Zeit und Energie sei" (Souvenirs, S. 33).
All das war für Widor "eine Sache des Willens und der Intelligenz: Der Spieler muß Herr über seine Technik sein. die Technik darf den Spieler nicht versklaven." (Souvenirs, S. 35).
Die Basis der Orgeltechnik bildete ein vollkommenes Klavierspiel: "Die Zeiten sind vorbei", kommentierte Widor, "da man aus einem schlechten Pianisten noch einen akzeptablen Organisten zu machen hoffte."
(Souvenirs, S. 40).
Das Erscheinen Widors machte für Vierne und seine Mitstudenten ein vollständig neues Erarbeiten ihres Repertoires notwendig: besonders, da Widor mit Akribie jeden Schüler Takt für Takt kritisierte und berichtigte. Der erste Ärger darüber wich aber schon bald einer respektvollen Haltung, je mehr seine Schüler diese weise neue Methode über schauten, und Vierne stellte später fest, daß "Widor der größte Organist sei, den er je gehört hatte." (Souvenirs, S. 43). Widor war zudem bemüht, seinen Schülern den ganzen Reichtum der Orgelliteratur darzulegen. Während zu Francks Zeit in dessen Unterricht fast ausschließlich die Literatur behandelt wurde, die im Jährlichen "Concours" gefordert wurde, verlangte nun Widor von jedem seiner Schüler ein neu erarbeitetes Stück pro Woche. Die Basis allen Unterrichts war Bachs Musik, dessen Choralbearbeitungen in Frankreich im wesentlichen unbekannt waren, bevor sie Widor ab 1892 in den Unterricht am Conservatoire einbrachte. Widor bestand auch auf dem Studium von Formenlehre und Analyse und führte seine Studenten in die verschiedenen symphonischen Formen ein.
"Wir hatten zuvor nur wenig von all dem gewußt. Eines Tages rief der Meister aus: Was? Sie haben die Sonaten Beethovens gespielt und haben sich nicht gefragt, wie sie aufgebaut sind? Das entspricht dem Wesen eines Papageis nicht aber dem eines Künstlers."
Widors Beziehung zur Formenlehre übertrug sich auch auf seine Grundsätze zur Improvisation, wie Vierne im Vergleich seiner beiden Lehrer feststellt:
"Franck widmete sich vor allem dem Detail: Melodische Einfalle, harmonische Neuheiten, raffinierte Modulationen, satztechnische Eleganz, kurzum, alles Ausdruck musikalischer Reinkultur. Widor dagegen widmete sein Hauptbemühen der satztechnischen Konstruktion, der logischen Entwicklung und der formalen Seite."
Widor war schon bald sehr beeindruckt von Viernes musikalischer Begabung und er bot ihm zusätzlichen Privatunterricht an, ohne jede Honorierung dafür:
"Es gibt einige grundsätzliche, handwerkliche Dinge, die ich Ihnen beibringen möchte, da Sie ja nicht an der Kompositionsklasse teilnehmen. Ich werde Ihnen eine Einführung in die Kammermusik geben. die wenig am Conservatoire gepflegt wird: auch möchte ich Sie in grundsätzliche Dinge der musikalischen Symmetrie der Formen, der lyrischen Deklamation, in die Kunst des Orchestrierens einführen, überhaupt in symphonische Musik, die Ihnen sehr zu liegen scheint. Ich glaube, daß Sie an all dem mehr Interesse haben, als ein Nur- Virtuose und ich meine, daß Sie zum Komponieren geboren sind! Möchten Sie beispielsweise nicht einmal der Versuchung erliegen, einige schöne Orgelsymphonien zu schreiben. Sie konnten dabei von der Ästhetik profitieren, die sie von Franck gelernt haben, aber auch von den orgelspezifischen Entdeckungen, die ich mit meinen acht Symphonien gemacht habe."
Vierne war begeistert und traf sich nun jede Woche an drei Abenden mit Widor. Wenn das Thema des freiwilligen Unterrichts erschöpfend behandelt war, las Widor ihm aus Werken über Musikgeschichte, Biographien, analytischen Studien, Entwicklung vom Altertum bis heute, vor. Als umfassend allgemeingebil- deter Mann ermutigte Widor Vierne auch Griechisch, Latein, französische Literatur- und Kunstgeschichte zu studieren. Aus diesen regelmäßigen Zusammenkünften entwickelte sich bald eine gegenseitige Sympathie und respektvolles Miteinander, was bis zum Lebensende beider Männer andauerte.
Leider sah Vierne seinen Traum nicht erfüllt, im Jahre 1891 mit einem Ersten Preis aus dem Juli-Concours hervor zugehen. Aber Anfang Oktober bat ihn Widor, die Gasthörer seiner Klasse in den Fächern Improvisation, Fuge und Choralbegleitung zu unterrichten, um sie auf die Aufnahme als ordentliche Studenten vorzubereiten. Schließlich er nannte er Vierne im Februar 1892 zu seinem Assistenten an St.-Sulpice, eine Position, die Vierne bis 1900 wahrnahm. Auch im Concours von 1892 erlebte Vierne eine Enttäuschung, als er wiederum nicht für den Ersten Preis erwählt wurde. Trotz der entschuldigenden Rechtfertigungen einiger Jurymitglieder (Vierne war immerhin Widors bester Schüler) schien Vierne das Opfer einiger Ressentiments zu sein, die einige Lehrkräfte des Conservatoires gegen Widor hatten. Vierne und seine Kommilitonen waren verletzt, aber Widor tröstete und ermutigte sie trotz seiner eigenen Enttäuschung.
Aus denselben politischen Intrigen blieb Vierne der Erste Preis im Concours von 1893 versagt, was nun kaum mehr überraschend war. Vor dem Concours im darauffolgenden Jahr warnte Ambroise Thomas (derzeit Direktor des Conservatoires) jedoch die Jury davor, daß ihm die Querelen gegen Widors Schüler sehr wohl bekannt seien und drohte, die Jury Entscheidung nicht anzuerkennen, falls er irgendwelche Manipulationen bemerken sollte.
Aufgrund dessen war es 1894, daß Vierne endlich den exklusiven Ersten Preis im Orgelspiel erhielt, einstimmig und mit Glückwünschen der Jury . Zwei Tage später wurde er von Widor offiziell als dessen Lehrassistent am Conservatoire ernannt: in dieser Position blieb Vierne 17 Jahre lang. Nun hatte Vierne einen großen Einfluß auf eine ganze Generation von Organisten und Komponisten: U.a. auf seinen Bruder Réne Vierne, Henri Mulet, Joseph Bonnet, Marcel Dupré, Nadja Boulanger.
Auf den Tod des Conservatoire-Directeurs Ambroise Thomas (März 1896) folgte eine Neuorganisation der Lehrkräfte im Conservatoire: Théodore Dubois wurde zum neuen Direktor ernannt. Widor übernahm deshalb dessen Amt als Professor für Komposition: Widor ernannte Alexandre Guilmant (1837-1911) als seinen eigenen Nachfolger im Lehramt. Unter der Bedingung. daß dieser Vierne als Assistenten mitübernehmen würde.
Bild Widor Guilmant Gigout Guilmant achtete Vierne sehr, stimmte dieser Bedingung mit Freuden zu und wurde zum Professor für Orgeispiel ernannt. Guilmant war zu dieser Zeit bereits gefragter Organist und amtierte schon seit 1871 als Titulaire an der Pariser Trinité, außerdem war er seit 1878 Initiator der viel beachteten Reihe von Orgelkonzerten im Trocadero-Palast . 1894 gründete er zusammen mit Vincent d'lndy und Charles Bordes die Schola Cantorum in Paris, die eine der wichtigsten Musikschulen werden sollte. Guilmant war, wie Widor, aus der Schule des Belgiers Lemmens hervorgegangen. Als Orgelprofessor am Conservatoire wurde ihm vor allem die Aufgabe gestellt, die Technikmethode seines Vorgängers weiterzuführen.Guilmant schätzte Viernes Assistenz am Conservatoire, und als er gar fünf Monate auf Amerika-Konzertreise war, überließ er Vierne vertrauensvoll seine Orgelschüler während dieser Zeit.
Durch das Beispiel und die Ermutigungen Widors inspiriert, begann Vierne wahrend des Sommers 1898 die Komposition seiner ersten Orgelsymphonie. Im folgenden Jahr wurde sie fertiggestellt und Guilmant gewidmet, der sie mit großer Begeisterung aufführte.
Inzwischen hatte im März 1898 Charles Mutin die Leitung der berühmten Orgelbauwerkstatt Aristide Cavaillé-Coll übernommen; Vierne und Widor hatten sich sehr für Mutins Schritt ausgesprochen. Im Juli reiste Vierne nach Caen, um bei der Taufe der Tochter Mutins als Pate zugegen zu sein. Hier begegnete er Arlette Taskin, der Tochter eines bekannten Baritons und selbst schon eine beachtliche Sängerin.
Obwohl Vierne sich schon mit seinem Junggesellendasein abgefunden hatte, fand er die Vorstellung verlockend, sein leben mit dieser Musikerin zu teilen. Die Verlobung fand am 8. Oktober statt (Viernes Geburtstag,. die Hochzeit war im folgenden April: Nach dem Traugottesdienst in St.-Sulpice, wo Widor die Orgel spielte, zog die Festgesellschaft in das Atelier Cavallié-Colls, wo eine große Bankett-Tafel in Form einer hölzernen Orgelgehäusefüllung aufgebaut worden war. Für seine junge Frau komponierte Vierne die "Trois Melodies", opus 13. Im folgen den Sommer (1899) begann er Skizzen zu seiner Messe solennelle, die 1900 fertiggestellt wurde.
Das Jahr 1900 brachte einen weiteren, entscheidenden Wechsel im Leben Viernes, ja sogar im ganzen französischen Musikleben.
Eugène Sergent, der 53 Jahre lang Organist an Notre-Dame war, erkrankte im Februar an Magenkrebs und die Kirchengemeinde von Notre-Dame sah sich nach einem vorübergehenden Ersatz um.
Orgel in Notre Dame Paris Sergent war 71 Jahre alt, der letzte Repräsentant einer Reihe von mittelmäßigen Organisten an Notre-Dame seit dem Tode d'Aquins im Jahre 1772. Cavaillé-Coll, der das großartige Instrument von Notre-Dame zwischen 1863 und 1868 vollständig erneuert hatte, war stets erbost gewesen, daß Sergent die neue Orgel in all ihren Klangmöglichkeiten und Klangfarben nie richtig ausgenutzt hatte.Als die Notre-Dame-Gemeinde Widor bat, ihr einen Interimsorganisten vorzuschlagen, empfahl Widor seinem Schützling Vierne, sich zu bewerben:
"Wenn ich nur an meine Interessen denken würde, daran daß Sie mir als Assistent an St.-Sulpice sehr fehlen würden, dann hätte ich Ihnen diesen Vorschlag nicht gemacht. Aber man muß auch an die Zukunft denken und wir haben Grund anzunehmen, daß Sergent seinen Dienst nicht wieder aufnehmen wird. Der Titel eines Notre-Dame-Organisten, getragen von einem Künstler, der alle Aussichten hat, das Prestige dieses Titels wieder aufzuwerten, scheint mir Ihrer würdig zu sein. Ich sehe darin einen durchaus seriösen Schachzug in Ihrer weiteren Entwicklung, Sie müssen zu sagen !"
(Souvenirs, S. 86)
Obwohl er ungern seine Position an St. Sulpice aufgab, stimmte Vierne schließlich zu und übernahm am folgenden Sonntag erstmals sein neues Vertretungsamt an Notre-Dame.
"Das erste Mal hatte ich die gesamte Klangpracht dieses Instruments unter den Fingern. Ich begann, all die Schönheiten zu entdecken, welch Erhabenheit, welche Kraft, welch Frische in der Farbe jedes einzelnen Registers, ein Wunder der Spieltechnik, der Ausgewogenheit. der klanglichen Würde !"
(Souvenirs, S. 861)
Nach einigen Wochen starb Sergent. Insgesamt 98 Bewerber bemühten sich um diese nun endgültig freiwerdende Position, davon 10 ernsthafte Rivalen in engerer Wahl. Um jegliche Intrigen und Protektionen zu vermeiden, entschloß sich die Kirchengemeinde, den neuen ständigen Organisten durch einen Wettbewerb zu erwählen. Es wurde eine Jury gebildet, denen die berühmtesten Musikpersönlichkeiten im Paris jener Tage angehörten: Widor (als Vorsitzender), Guilmant, Gigout, Dallier, Perilhou, Deslandres sowie als Vertreter der Gemeinde die Geistlichen Abbé Geispitz und Pisani.
Vier Aufgaben wurden den Kandidaten an der Orgel gestellt:
1)Begleitung eines liturgischen Gesanges
2) Improvisation einer Fuge über ein gegebenes Thema
3) Freie Improvisation über ein gegebenes Thema und
4) Auswendigspiel eines Werkes aus der Orgelliteratur, ausgewählt aus einer Aufstellung von fünf Werken, die jeder benennen mußte.
Nachdem diese Bedingungen bekannt wurden, stellten sich nur noch fünf Männer der Bewerbung, darunter auch Vierne, mehr oder weniger unter dem Druck Widors. Die Jury konnte weder Orgel noch Spieltisch einsehen; die Kandidaten zogen Nummern und bekamen In völliger Anonymität ihre Auf gaben. Das Ergebnis des Jurybeschlusses wurde anschließend angesagt und auf ein Stück Notenpapier schriftlich niedergelegt:
"Die hier auf Antrag der Kirchengemeinde von Notre-Dame de Paris versammelte Jury verkündet heute am 21. Mai 1900, die fünf Kandidaten gehört zu haben, die sich um die Position des 'Organist Titulaire de Notre-Dame' beworben haben und entscheidet sich einstimmig für Monsieur Louis Vierne."
Drei Tage später nahm Vierne die Stellung offiziell an, eine Position, die er bis zu seinem Tode, 37 Jahre später, innehaben sollte.
L.Vierne in Notre Dame Hier spielte er in den regulären Gottesdiensten und besonderen Kirchenfesten der Kathedrale, aber auch für nationale Festlichkeiten, Trauerfeiern und Requiems für die Berühmtheiten Frankreichs und andere große religiöse Zeremonien. Unter seinen Zuhörern waren im Laufe der Jahre u. a. Clemenceau, Jaurès, dAnnunzio, GIazounov, Rimsky Korsakov, Nikisch, Humperdinck, Granados, Rodin und Siegfried Wagner. 1903/04 wurden durch Charles Mutin einige Veränderungen an der Notre-Dame Orgel ausgeführt.Viernes zweite Orgelsymphonie wurde im Frühjahr 1903 fertiggestellt, er widmete sie Mutin. Im Jahre 1906 komponierte Vierne Praxinoé, eine "symphonische Legende" für Solostimmen, Chor und Orchester. Im gleichen Jahr entstand eine Sonate für Violine und Klavier, komponiert für den berühmten Geiger EugeneYsaye.
Aber Vierne erinnert sich auch an das Jahr 1906 als den "Beginn der Katastrophen ... 30 Jahre lang folgte eine nach den anderen, ohne Unterbrechung." (Souvenirs, S. 97).
Im Mai 1906 stürzte Vierne in eine Grube und erlitt einen vielfachen Beinbruch und eine Sehnenzerrung - eine Verletzung, die damals in 99% aller Fälle eine Amputation notwendig machte. Es zeigte sich zunächst keine Besserung seines rechten Beines, bis der Arzt Dr. Heitz-Boyer eine revolutionäre neue Methode anwandte, jedoch konnte Vierne bis Oktober nicht normal gehen und war gezwungen, seine Pedaltechnik vollständig neu zu erlernen. Erst im Dezember konnte er wieder Orgel spielen, doch nicht ohne häufige, äußerst schmerzhafte Beschwerden. Kaum da von genesen. befiel ihn im Januar 1907 ein Typhusfieber, das ihn gar an den Rand des Todes brachte. Dennoch erholte er sich langsam und konnte am Laetare-Sonntag (drei Wochen vor Ostern) wieder auf der Orgelbank sitzen. Im Juli freute er sich, daß der Erste Preis für Orgel und Improvisation an Marcel Dupré vergeben wurde, den er in Vorbereitung auf Guilmants Klasse schon betreut hatte.
Inzwischen scheiterte auch Viernes Ehe. Diese Entwicklung war der Grund für viele innere Qualen und Verbitterung, die bis an sein Lebensende andauerten. Die Scheidung wurde Im August 1909 ausgesprochen. Der emotionale Aufruhr dieser Jahre schlug sich In der Komposition seiner Symphonie für Orchester (1907/ 08) nieder, die er Gabriel Fauré widmete. Guilmants Ehefrau starb 1909 und Vierne bemerkte bald dessen eigene schwache Gesundheit. Im Januar 1911 erkrankte Guilmant schwer und beauftragte Vierne, seine Schüler zu unterrichten. Auch Viernes Mutter erkrankte zur selben Zelt und starb nach längerem Leiden am 25. März. Sechs Tage später verstarb Alexandre Guilmant.
Ein weiterer Schlag sollte bald folgen:
" Guilmant hatte einige Male öffentlich seinen Wunsch und seine Hoffnung ausgedrückt. daß ich sein Nachfolger im Lehramt am Conservatoire sein solle. Er sah darin die Fortführung des Unterrichts, den er vor 17 Jahren begonnen hatte und der durch die Bildung einer Orgelschule ersten Ranges mit ausgezeichneten Leistungen unter Beweis gestellt worden war, ohne Beispiel in Frankreich. mit größter Bewunderung auch im Ausland. Aber es sollte anders kommen ..."
(Souvenirs, S. 62)
In der Tat wurde Vierne das Opfer der Spannungen zwischen Widor (seinem verehrten Lehrer) und dem derzeitigen Direktor Gabriel Fauré. Fauré war über einige taktlose Bemerkungen Widors verärgert, die dieser gemeinsamen Freunden gegenüber gemacht hatte und die ihn empfindlich machten für Argumente gegen die Ernennung von "Widor Junior " (wie Vierne von Widors zahlreichen Feinden genannt wurde).
Fauré und Saint-Saens überredeten Gigout (einen alten Freund Fauré`s von der " École Niedermeyer ") sich für die Conservatoire-Position zu bewerben. Das " Handicap " der Blindheit war schließlich für das Komitee der Grund, statt Vierne nun Gigout zu berufen. Aus Protest darüber kündigte Vierne seine Stellung als Lehrassistent am Conservatoire, in der er bisher die Schüler auf die Aufnahme in die Orgelklasse vorbereitet hatte und mied den Umgang mit Gigout und Fauré.
Ein paar Tage später machte Vincent d' Indy Vierne das Angebot, Guilmants Orgelklasse an der " Schola Cantorum" zu übernehmen. Vierne nahm auf Anraten Widors die Stelle an. Widor hatte eigentlich wenig Interesse an d'lndy und seiner Schule, wünschte aber dadurch, seine Lehrtradition , die er am Conservatoire eingeführt hatte, um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Wegen der Conservatoire Affäre bot der Kulturminister an zu vermitteln, was jedoch abgelehnt wurde. In dieser dunklen Zeit entstand Viernes Sonate für Violoncello und Klavier, sowie die dritte Orgelsymphonie.
1912 folgte die Komposition der "Messe basse" , 1913/14 die " 24 Pièces en style libre" für Orgel oder Harmonium. Nachdem sich die Unruhe, die der Conservatoire-Streit hervorgerufen hatte, gelegt hatte, versuchte Fauré wieder eine Verbindung zu Vierne zu schaffen. Auch gab er öffentlich zu, daß er 1911 "seinen Kopf verloren" habe: begabte Schüler sandte er nun zu Vierne. Inzwischen hatte Vierne einen biographischen Artikel über Fauré für das "Echo musical" geschrieben. Am selben Tage, als dieser Artikel veröffentlicht wurde, erhielt Vierne einen dankbaren Brief von Fauré, der ihn um einen Besuch bat.
Trotz allen Unfriedens hatte Vierne die frühere Freundschaft noch in solch guter Erinnerung, daß er nicht widerstehen konnte und die Einladung akzeptierte. "Ich ging hin, es war Anfang 1914, und ich fand einen Menschen vor, der alt geworden war, sorgenvoll, aber in dem noch die Flamme der Kunst loderte . 'Man hat ihnen viel angetan', sagte er mit gedämpfter und bewegter Stimme Tränen traten mir in die Augen und ohne zu antworten, umarmte ich ihn lange. Wir riefen uns viele gemeinsame Erinnerungen ins Gedächtnis, rührende, aufregende, komische. Letztere munterten ihn auf und ,ich verließ ihn lächelnd. Im Conservatoire nahm ich nun wieder meinen Platz in der Jury für Begleitung, Klavier, Harmonielehre, Kontrapunkt und Fuge ein, und 1915 war ich in der Jury für Harfenspiel, nachdem er meine 'Rhapsodie für Pedalharfe als Prüfungsstück für den Concours aufgenommen hatte".
("Journal", S. 185)
Im Sommer 1914 komponierte Vierne seine vierte Orgelsymphonie. Weitere Werke dieser Zeit waren die "Douze Préludes" für Klavier und das symphonische Poème "Psyche".
1915 litt Vierne verstärkt an einem Glaukom (Grüner Star), mit der düsteren Aussicht auf völlige Erblindung. Man sandte ihn zu dem Schweizer Augenarzt Eperon, der eine neuartige Behandlungsmethode entdeckt hatte.
Vierne übertrug Marcel Dupré seine Orgelaufgaben in Notre Dame und mußte als wenig begüterter Mann alle Habseligkeiten verkaufen, um den längeren Aufenthalt in der Schweiz finanzieren zu können. Hier blieb er im Exil von Juli 1916 bis April 1920 und unterzog sich der langen und schmerzvollen Behandlung. Auf eine Operation am rechten Auge folgten Komplikationen, die sechs Monate lang den Aufenthalt in einem verdunkelten Raum notwendig machten. Inzwischen forderte der Erste Weltkrieg seine Opfer, darunter seinen Sohn Jacques und seinen Bruder Réne. Dem Andenken seines Sohnes widmete er sein spannungsreiches "Piano Quintett" (1917), seinem Bruder eine Folge von vier Klavierstücken: "Solitude" (1918). Bei der Rückkehr nach Paris stand 1920 ein zerbrechlicher und entkräfteter Louis Vierne der Aufgabe gegenüber, seinem zerrütteten Leben einen neuen Anfang zu geben. Er fand seine Orgel in Notre Dame in alarmierend verfallenem Zustand vor. überdeckt mit Staub und Beschädigungen durch Mäuse und Wettereinwirkungen durch die kriegszerstörten Fenster.
Sofort versuchte er Geld für die notwendigsten Reparaturen zu beschaffen. Aber es sollte 12 Jahre dauern. bis diese Arbeiten vollendet waren.
Inzwischen veröffentlichten die amerikanischen Organistenkollegen Edward Shippen Barnes und Lynnwood Farnam Artikel in Fachzeitschriften, in denen sie um Spenden baten, die Vierne aus seiner persönlichen Not helfen sollten. Außerdem wurden in Frankreich von Bonnet, Dupré und anderen Wohltätigkeitskonzerte zugunsten Viernes gegeben.
1921 komponierte Vierne zum 100. Todestag Napoleons "Marche triumphale" für Bläser, Pauken und Orgel: ein weiteres Werk dieser Zeit bildeten fünf Lieder über Texte von Baudelaire, gewidmet einer jungen Dame, der Sängerin Madeleine Richepin. Sie war eine vertraute Freundin Viernes und ständige Begleiterin für einige Jahre. Auch nachdem sie sich mit einem Arzt verheiratete, gehörten beide zu den guten Freunden Viernes.
1921 und 1922 unternahm Vierne zwei Reisen nach Deutschland, weitere Reisen führten ihn nach Belgien, den Niederlanden, Österreich und Spanien. 1923 arbeitete er in Italien an seiner fünften Orgelsymphonie, die er 1924 fertigstellte und Joseph Bonnet widmete.
Bonnet organisierte gemeinsam mit dem englischen Orgelbauer Henry Willis (dem Vierne übrigens sein bekanntes "Carillon de Westminster" widmete) Anfang 1924 für Vierne eine Konzertreise nach England und Schottland. Durch den Erfolg war es möglich, auch hier zu Spenden für die Wiederherstellung der Notre-Dame-Orgel aufzurufen. So konnte zunächst ein elektrisches Gebläse für die Orgel angeschafft werden (bis 1924 wurden die Bälge der Notre-Dame-Orgel noch durch zahlreiche Kalkanten manuell bedient!).
Im darauffolgenden Jahr unternahm Vierne eine weitere Konzertreise nach England, Schottland und Irland. Aber der Zustand der einstmals so schönen Cavaillé-Coll-Orgel in Notre-Dame verschlechterte sich zusehends.
Um zu den dringend notwendigen finanziellen Mitteln zu kommen, unternahm Vierne im Januar 1927 eine viermonatige Konzertreise in die USA, organisiert durch den Organisten Alexander Russell und den Impresario Rodman Wanamaker. Im Waldorf-Astoria New York wurde Vierne von 75 geladenen Gästen und Mitgliedern der American Guild of Organists auf einem Dinnerempfang begrüßt. Am 1. Februar 1927 machte er dann sein amerikanisches Debüt an der berühmten Wanamaker-Orgel in New York. In der Februarausgabe 1927 des "American Organist" beschreibt der Kritiker T. Scott Buhrman Viernes Spiel als -"begeisternd, mitreißend, klar, ausgeglichen." Alles in allem horte man Vierne in 50 Solokonzerten. acht kammermusikalischen Programmen. Konzerten mit der Sängerin Madeleine Richepin und sechs Orgel-Orchesterkonzerten.
Im Jahre 1930 entstand Viernes sechste und letzte Orgelsymphonie. Ein Jahr später waren endlich genug Geldspenden zusammengetragen worden, daß man nun endlich an die notwendigen Reparaturen und Änderungen der Notre-Dame-Orgel herangehen konnte. Unter Viernes tatkräftiger Hilfe und Überwachung war das Instrument 1932 wieder fertiggestellt.
In dieser Zeit komponierte Vierne kaum Neues. Die beiden letzten Hefte der "Pièces de Fantaisie" waren 1927 vervollständigt worden. die Sechste Symphonie 1930, das "Triptyque" 1931; weiterhin eine Suite für Cello und Klavier ("Soirs étrangers"), "Les Angélus" für Gesang, Orgel oder Orchester, "Quatre Poèmes grecs" für Gesang, Harfe oder Klavier, "Ballade du du désespéré" für Tenor und Orchester oder Klavier. Ab 1931 schrieb Vierne nichts mehr; weitere drei Jahre vergingen, bis er sein letztes Werk, die schwermütige und düstere "Messe basse pour les défunts", Madeleine Richepin in die Feder diktierte. Eine siebente Symphonie für Orgel (Maurice Duruflé gewidmet) war noch geplant. Skizzen darüber sind uns aber nicht überliefert.
Während dieser letzten Jahre begann Vierne statt dessen, seine Erinnerungen und Erlebnisse aufschreiben zu lassen. Ab 1931 befaßte er sich, mit gelegentlichen Unterbrechungen, mit seinen Memoiren, wobei er sich auf schriftliche Aufzeichnungen stützte, die er seit seiner Jugend gemacht hatte. Neben der Zusammenstellung eines "Journal intime" schrieb Vierne auch eine Reihe autobiographischer Artikel für das "Bulletin trimestriel des Amis de IOrgue", die zwischen 1934 und 1937 erschienen. Die letzten Lebensjahre waren gezeichnet durch fortschreitende Erblindung, angegriffene Gesundheit und (trotz seines hohen Ansehens in der Musikwelt) großer Depression und Verbitterung. Auch verfolgte Ihn noch immer das Scheitern seiner Ehe vor etlichen Jahren und ein bedrückendes Gefühl der Einsamkeit wurde ihm mehr und mehr zur fixen Idee:
"Heute am 5. März 1933 schreibe ich in tiefster Einsamkeit, ich fühle mich grenzenlos allein, mit einem Gefühl der Leere in meinem Herzen, alt und desillusioniert, verlassen, schwach und krank.
Nur meine vier Wände sind mir vertraut, da ich nun nicht mehr in der Lage bin, ohne fremde Hilfe mein Haus zu verlassen, ein Fremder unter Fremden; mit all meinen Gedanken wünsche ich, mich bald zur letzten Ruhe zu legen."
(Gavoty, S. 169)
In seinem "Journal" bekennt Vierne:
"Nach ständigem Kämpfen. nach aller Arbeit, die nun zur fast völligen Erblindung geführt hat, die meine Gesundheit ruiniert hat, fühle ich mich nun allein. alt, kraftlos und krank, blicke zurück auf all die Erinnerungen meines bewegten Lebens . . . Mit aller Kraft, die mir noch verbleibt, sehne ich mich nach Ruhe, ewiger Ruhe, nach dem unendlichen Nichts, das schließlich alles auslöscht."
(Journal, S.60)
Um seine Verzweiflung zu unterdrücken, nahm er Beruhigungsmittel und Schlafmittel. Bernard Gavoty erinnert sich, daß er Viernes Arbeitszimmer mit allen erdenklichen Medikamenten, die verstreut lagen, im Gedächtnis hat. Der seelische Schmerz wurde verstärkt, als Madeleine Richepin 1931 den Arzt Dr. Lucien Mallet heiratete. Vierne drückte seine Gefühle darüber in seiner "Ballade du désespéré" aus. Glücklicherweise besuchte das Paar auch nach der Heirat den Meister noch öfters und Dr. Mallet wurde Ihm nicht nur Freund. sondern auch medizinischer Vertrauter.
Seit 1924 hatte Vierne schon ständige Herzbeschwerden; ein Infarkt am Ende seiner USA-Tournée im Jahre 1927 hatte ihn ebenfalls böse getroffen. Durch eine Lungenentzündung im Winter 1935/ 36 wurde sein Herz noch mehr geschwächt. In Notre-Dame mußte er nun die mehr als 90 Stufen zur Orgelempore hinaufgetragen werden, weil man sich um sein schwaches Herz sorgte.
Am 2. Juni 1937 spielte Vierne abends in Notre-Dame sein 1750. Orgelkonzert, sein von ihm geschätzter Schüler Maurice Duruflé assistierte ihm und sollte im zweiten Teil des Programms Viernes Sechste Symphonie ausführen. Der Anlaß für dieses Konzert war ein besonderes Treffen der französischen Vereinigung "Les Amis de IOrgue". Maurice Duruflé erwähnt diesen dramatischen Zwischenfall :
"Vierne hatte soeben mit großem Ausdruck sein letztes Werk. das "Triptyque". gespielt. Ich stand neben ihm um zu registrieren. Als er den letzten Satz des Triptyque ("Stele pour un enfant défunt" begann, wurde er blaß, seine Finger hingen förmlich an den Tasten und als er seine Hände nach dem Schlußakkord abhob, brach er auf der Orgelbank zusammen: Ein Gehirnschlag hatte ihn getroffen. An dieser Stelle des Programms sollte er über das gregonanische Thema 'Salve Regina' improvisieren. Aber anstelle dieser Hommage der Patronin Notre-Dames hörte man nur eine einzige lange Pedalnote: Sein Fuß fiel auf diesen Ton und erhob sich nicht mehr."
(l´Orgue No 162)
Alle Bemühungen um Wiederbelebung waren ohne Erfolg. Kurz nach der Ankunft im Krankenhaus Hotel-Dieu stellte man Tod durch Herzembolie fest. Der Traum Louis Viernes, einmal am Spieltisch seiner geliebten Orgel zu sterben. hatte sich erfüllt.
Nach dem letzten Willen Viernes bestand die einzige Musik in seinem Trauergottesdienst, der am 5. Juni gehalten wurde, aus gregorianischem Gesang. Die große Orgel von Notre-Dame, die so oft und grandios unter seinen Fingern erklungen war, schwieg und war in schwarzen Trauerflor gehüllt. Viernes Leichnam wurde zum Montparnasse-Friedhof getragen, wo er seine letzte Ruhestatt unweit von vier Freunden fand: Franck, Guilmant, Saint-Saens und d'Indy. Kurz vor seinem Tode hatte Vierne noch jene Worte geschrieben, die einmal seinen Grabstein zieren sollten:
"Hier endet das Kapitel meiner 'Souvenirs' als Organist von Notre-Dame. Die großartige Orgel, an der ich so lange der glückliche Titulaire sein konnte, hat eine entscheidende Rolle in meinem künstlerischen und persönlichen Leben gespielt. Unter ihrem Einfluß habe ich meine Kompositionen geschrieben, habe ich mir selbst das ästhetische Bild eines Kathedralorganisten geschaffen, indem ich mich ganz ihrem majestätischen Klang unterwarf, aber auch der wundervollen Kathedrale, den großen religiösen und nationalen Erinnerungen in diesem Raum.
Der großen und vertrauensvollen Aufgabe an Notre-Dame habe ich mich mit aller Treue und Aufrichtigkeit meines Herzens als gläubiger Künstler gewidmet."
(Souvenirs S.111-112)